Aus der Festschrift zur Einweihung von 1956

 

Pastor Ernst-Friedrich Münkel (Pastor in Lokstedt 1948-1965)

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Auf einem freien Platz an der Lokstedter Rathausallee steht eine Gruppe von Männern, feierlich in Schwarz gekleidet, den sauber gebürsteten Zylinder in der Hand. Lustig flattern die schwarz-weiß-roten Fahnen im Winde. Herr Rektor Wehmer hebt seinen Taktstock, und fröhlich singen seine Mädchen das alte Lutherlied über den Bauplatz. Man schreibt den 27. September 1913, und es gilt, heute den Grundstein zu legen für das Pastorat und den Kirchsaal in Lokstedt. Viele Verhandlungen sind diesem Tage vorausgegangen, um die Bausumme von 100 000 Mark harter wilhelminischer Währung aufzubringen. Jetzt ist es geschafft, und Pastor Behrend aus Niendorf tritt vor, um die Festrede zu halten. Etwas Wehmut liegt in seiner Stimme, als er sagt: „Wir wollen es nicht verhehlen, dass die Ausführung dieses Baues einen weiteren Schritt zur Ablösung Lokstedts von der Muttergemeinde Niendorf bedeutet, um die die Gemeinde Lokstedt sich so lange geschart hat. Es wird der Mutter nicht leicht fallen, ihre Tochter ziehen zu lassen, wie sie die anderen Kinder hat ziehen lassen müssen." Danach spricht der neue Lokstedter Pastor, Johann Heinrich Abraham, mit seinen 30 Jahren ein vorwärtsdrängender Motor der neuen Gemeinde, und die Freude über diesen Tag klingt aus dem Bibelwort, das er gewählt hat: „Das ist vom Herrn geschehen und ein Wunder vor unsern Augen." Worin lag das Wunder? Darin, dass offenbar dieser Bau bei der Bevölkerung sofort auf eine große Sympathie stieß. So allein ist die Schnelligkeit der Ausführung zu erkären. Im Kirchenvorstand waren es besonders die Vertreter der alteingesessenen Gemeindeglieder, die für ihre Lokstedter Kirche eintraten. Die Herren C.H. Wells und Hermann Westphal waren unermüdlich tätig, um den Bau voranzutreiben. Der Gemeindevorsteher, Rittmeister Emil Andresen, gab der Kirchengemeinde jede mögliche Unterstützung: „Im emporblühenden Ort eine emporblühende Kirche" war sein Wunsch am Tage der Grundsteinlegung. Ja, man sprach damals schon ganz selbstverständlich von der Kirche, die sich neben dem Gemeindesaal erheben sollte.

Zeh Jahre später. Es ist still geworden um diese Kirchbaupläne. Pastor Gottfried Otte, der von 1922 bis 1932 Ortspastor ist, hat viel handgreiflichere Sorgen. Er schreibt in der Chronik: am 3. Januar 1923 kosten 100 Pfund Hühnerfutter 18 000 Mark, im November der Zentner Kartoffeln 310 Millionen Mark. Die Gemeinde Lokstedt hat 4 ½ Tausend Einwohner. Der Gemeindesaal umfasst mit Leichtigkeit die Gottesdienstbesucher.

Der Krieg und das bedrückende Kriegsende zittert noch nach in den Herzen der Lokstedter: als Zeichen des Dankes und der Erinnerung wird neben dem Pastorat das Kriegerehrenmall errichtet. Zwei Kirchenältestes, Herr Benöhr und Herr Schütz, tragen durch ihren treue Einsatz wesentlich bei zum Gelingen des Werkes, Pastor Otte hält die Einweihungsrede.

Wir blättern weiter. Nach Pastor Otte übernimmt Pastor Steffen das Amt. Er bleibt aber nur ein Jahr und wird durch seinen Schwager, Max Roager abgelöst. Eine markante Persönlichkeit hält damit ihren Einzug in das Lokstedter Pastorat. Ganz allein hat er in den für die Kirche schwersten Jahren von 1933 bis 1950 sein Amt mit unbestreitbarem Mut getragen. Die wachsende Kirchenfeindschaft macht ihm viel Sorge, stärkte aber auch seine unerschrockene Widerstandskraft. So schreibt er: „Im Mai 1935 beschäftigte ich mich mit einer Sammlung für die neue Orgel, indem ich viele Gemeindeglieder besuchte. Der Ertrag ist außerordentlich erfreulich und sichert die Finanzierung in kurzer Zeit. Die Folge ist eine Anzeige wegen verbotenen Sammelns. Eine Reihe von Verhandlungen wird geführt mit dem Ergebnis, dass zur Vermeidung einer Gerichtsverhandlung die Hälfte abgeführt werden muss an die NSV." - Trotz aller Versuche aber, die Kirche zu isolieren, wird der Kirchbauplan weiter verfolgt. Auch wenn die Zahl der Gottesdienstbesucher immer noch gering ist - in eine größere Gemeinde gehört doch eine größere Kirche! Gelder werden auf ein besonderes Konto für diesen Zweck zurückgelegt, Architekten werden beschäftigt, Bohrproben werden gemacht. 7000 Gemeindeglieder werden gezählt, der Siemersplatz, die Heimat und die Stresemannallee sind durch große Wohnblocks bebaut worden. Hier ist es der Kirchenälteste Wohlers, der Bürgermeister von Lokstedt, ein befähigter Verwaltungsbeamter, der immer wieder für ein großzügiges, weiträumiges Gotteshaus eintritt. Da bricht ganz unerwartet der Krieg aus.

Es folgen in der Kirchenchronik Seiten, die von der Not des Krieges berichten. An der Wand des Luftschutzkellers in der Kirche sind sorgfältig die Fliegeralarme verzeichnet nach Datum und Dauer. Am Ende des Krieges waren es fast 700 Alarme, die dort unten verbracht werden mussten. Pastor Roager entfernt mit der Gemeindehelferin, Fräulein Niklas, in einer Nacht 5 Stabbrandbomben. Die Lokstedter Gemeinde wird bei den Juli-Angriffen des Jahres 1943 zu 37% zerstört. Der Pastor besorgt 6000 Dachziegel und legt sie auf die Dachsparren des Gemeindehauses. Er hilft bei der Verglasung der Fenster. Er hält nachts Luftschutzwache. Er tut noch mehr: Gottesdienste werden in Noträumen gehalten, Beerdigungen auf dem Niendorfer Friedhof, Gedenkfeiern für Gefallene, er ist gleichzeitig noch Wehmachtspfarrer in Altona, muss alle Wege mit dem Rad machen, macht ständige Besuche im Altonaer Militärgefängnis. Er ist überlastet, und damals ist in ihm der Keim gelegt für seinen frühen Tod (1950).

1953. Wider alles Erwarten haben sich die Verhältnisse so rasche stabilisiert, dass die Kirchbaupläne aus der Schublade genommen werden können. Nach 40 Jahren des Planens und Wartens scheint jetzt die Verwirklichung gekommen zu sein. Im September wird der vorbereitende Beschluss einmütig von den 17 Damen und Herren des Kirchenvorstands gefasst, Besichtigungen anderer Kirchbauten werden unternommen, und fünf Architekten um Einreichung von Entwürfen gebeten. Am 7. März wird der Entwurf des Architekten angenommen, und am 12. September 1954 wird der Grundstein gelegt. Gott hat uns in den langen Jahrzehnten die Geduld gelehrt, damit die Freude um so größer werde.